Ungleichheit ist gesellschaftlich zersetzend

Spannende Diskussion in der VHS. - Bild: Hans-Dieter Hey/r-mediabase.eu

Köln – „Die soziale Ungleichheit wächst. Viele Menschen fühlen sich abgehängt und marginalisiert, andere haben Angst vor sozialem Abstieg“ heißt es in einer Einladung der Volkshochschule Köln am 28. März zum Thema „Wieviel Ungleichheit verträgt unsere Gesellschaft?“. Das wird gegenwärtig in den Medien diskutiert und die SPD-nahe Friedrich-Ebert-Stiftung lud am Dienstag dazu ein. Es ist Wahlkampfzeit.

Gesellschaftliche Spaltung ist systemimmanent

Selten werden die benannt, denen die soziale Spaltung, die es nachweisbar gibt, verantwortlich zuzuordnen ist. Ausgemacht haben Wissenschaftler die marktradikale, neoliberale Politik der letzten 20 Jahre. Deren Wesensmerkmal ist die Ungleichheit – und zwar je mehr umso besser. Jahre, in denen CDU, CSU, SPD – aber auch die Grünen – an der Macht waren. Es war vor wenigen Tagen, als Die Zeit, die Süddeutsche, der Spiegel, die Welt und viele andere Medien unisono mit der Überschrift „Regierung warnt vor sozialer Spaltung“ auf das Thema aufmerksam machten. Wie bitte? Offenbar geht man davon aus, dass die Wähler die Parteien CDU, CSU, SPD und Grüne mit den Ergebnissen ihrer Politik nicht in Verbindung bringen.

Am 26. März, als in Köln „Puls of Europe“ demonstrativ den europäischen Zusammenhalt in ihren „Beweggründen“ reklamiert hatte, findet man zum sozialen Zusammenhalt kein einziges Wort. Doch der ist für den inneren Frieden notwendig – in ganz Europa. Anscheinend wird immer noch nicht ernst genug genommen, dass Spaltungspolitik die Wähler in die Arme von rechten Populisten wie der AfD und sogenannten Wertkonservativen treibt, die die Öffentlichkeit mit ihrer wahnhaften Selbstüberhöhung und rassistischen Ausgrenzung verunsichert und aufhetzt.

Doch die Linke, die sich den Kampf gegen die gesellschaftliche Spaltung auf ihre Fahnen geschrieben hat, findet unerklärlicher Weise nicht die eigentlich erwartbare Resonanz. Irre Zeiten! Und gefährliche Zeiten! So gefährlich, dass das Thema die Ökonomen inzwischen – nach Jahrzehnten der Ignoranz – entdeckte haben. Aber vielleicht haben sie auch wegen Brexit, Rechtsruck und nationaler Abgrenzung die Hosen voll.

Nicht benannt: „Monsterkapitalismus“ als Ursache

Prof. Steffen Mau (HU Berlin) wies auf eine Gesetzmäßigkeit in Thomas Pikettys Buch „Das Kapital im 21. Jahrhundert“ hin, nämlich dass die Vermögens- und Kapitalrenditen immer höher sind als das Wachstum von Einkommen, und zwar weltweit. „Wir haben verschiedene Ungleichheitsstudien, die sehr deutlich gezeigt haben, dass wir in der gesamten OECD-Welt so etwas haben wie einen Trend zu mehr Ungleichheit.“ Nach einer Untersuchung des DIW hätten die reichsten Haushalte einen Zuwachs seit 1991 ca. 26 Prozent, die mittleren Haushalte von 8 Prozent, die unteren Haushalte hätten real verloren.

Nicht nur ungleiche Qualifikationen, vor allem der technologische Wandel sei ein „Treiber“ der Ungleichheit. Zu ungerechter Verteilung führen auch moderne, aktuelle Berufe mit ungleich hohen Verdiensten. Interessant sei auch, „dass es Ungleichheiten auch bei den Personen gebe, die sich in einer komfortablen Lage befinden. Tatsächlich sei die Mittelschicht inzwischen kleiner geworden.

Angst vor Arbeit 4.0

Nun steht ein weiterer digitaler Wandel bevor. „Einige Autoren behaupten nun, dass diese digitale Revolution, der Übertritt, in das, was wir manchmal Arbeit 4.0 nennen, eine große Bedrohung sein könnte für die klassischen hochqualifizierten und mittelqualifizierten Berufe, für die die Mittelschicht eben stand.“

„Aus Deutschland wissen wir, dass Kapitaleinkünfte und Unternehmenseinkünfte deutlich geringer besteuert werden als Arbeitseinkommen.“…„Ab Mitte der 1980er Jahre“ – so Mau – „sieht man, dass die Kapitaleinkommen sich vom Volkseinkommen entkoppeln konnten und die Arbeitnehmereinkommen dahinter zurückbleiben.“

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