Lesung mit Daniela Dahn – Abrechnung mit der deutschen Einheit

Journalistin und Schriftstellerin. Daniela Dahn. - Bild: Bronisz

Köln – „Es würde gewiss nicht schaden, wenn die Westdeutschen sich intensiver mit den Verhältnissen in der DDR beschäftigten“, empfiehlt die konservative FAZ am 8. November 2019. “Jetzt stecken Demokratie und Marktwirtschaft so tief in der Krise, wie es ohne den Übermut, der im Herbst 1989 seinen Lauf nahm, womöglich nie geschehen wäre”, schreibt der ebenso konservative “Spiegel” am gleichen Tag. Gelegenheiten zur Neuorientierung gab es allerdings reichlich in 30 Jahren. Jetzt kocht die “Wendegeschichte” wieder hoch. Die Journalistin Daniela Dahn musste nach sieben Büchern doch noch eins über die DDR und „diese Art von Einheit“ schreiben. Und es ist ein zorniges Buch geworden, das mit den bis heute gepflegten Mythen der Sieger abrechnet. Bekannt dafür, dass Dahn hervorragend recherchiert, bleibt sie zudem unnachgiebig in der Formulierung und scharf in der Anklage. Denn was eine Revolte hätte werden können, endete als „schlechte Kopie des Westens“, meinte sie am 7. November in ihrer Lesung in Köln.

Wie bei vielen im Osten liegt die tiefe Verletzung in dem strukturellen Imperialismus der BRD in den Jahren nach 1989. Sie nennt es „feindliche Übernahme auf Wunsch der Betroffenen“. Diese Übernahme hatte auch positive Folgen für Menschen, die sich an die Spielregeln hielten. Doch die kamen „auf Kosten anderer in den Genuss von Wohlstand und relativen Freiheiten“, aber es sei ein „subventionierter Wohlstand und kein erarbeiteter“. Für sie sei es kein richtiges Leben, wenn „95 Prozent des volkseigenen Wirtschaftsvermögens in westlichen Händen liegt“, was dieser “Raubmensch-Kapitalismus” mit seiner „Ewigkeitsgarantie“ sich zur Beute gemacht hat.

…nicht aufhören zu siegen

Daniela Dahns neues Buch. – Bild: Bronisz

Bis heute verletzt Daniela Dahn „dieses nicht aufhören zu siegen“ der Sieger. Das polarisiere und spalte nach wie vor die Gesellschaft. Dahn war kurz vor der Einigung Gründungsmitglied des „Demokratischen Aufbruch“ und trat mit anderen bald wieder aus. Damals noch wollten wir „neu lernen was Sozialismus bedeutet und wir verwahren uns gegen die Unterstellung, den Sozialismus zum Kapitalismus hin reformieren zu wollen“ unterschrieben viele mit ihr. In den letzten DDR-Volkskammerwahlen sollten sich westliche Politiker raushalten, verlangte man. Doch keine westliche Partei hatte sich daran gehalten, allen voran CDU und DSU (Ableger der CSU) zusammen mit dem inzwischen nach rechts gedrifteten „Demokratischen Aufbruch“ und ihrer „Allianz für Deutschland“.

Trotz dieser politischen Maulwurf-Aktivitäten gab es, so Dahn, von westdeutschen Intellektuellen und Bürgerbewegungen viel Unterstützung. Karl Bonhöfer, Inge Aicher-Scholl, Heinrich Albertz, Annemarie Böll, Helmut Gollwitzer, Magarethe Mitscherlich, Robert Jungk, Ossip Flechtheim und andere wollten sich nicht von der kapitalistischen Logik überrumpeln lassen und hielten beide deutsche Staaten für reformbedürftig. „Es könnte ein Modell für die Welt sein“, hieß es damals. Ende 1989 wollten nach einer Umfrage 86 Prozent der Ostdeutschen einen reformierten Sozialismus. Lothar de Maizière (Ost-CDU): „Ich halte Sozialismus für eine der schönsten Visionen menschlichen Denkens. Wenn sie denken, dass die Forderung nach Demokratie zugleich die Forderung nach Abschaffung des Sozialismus beinhaltet, dann müssen Sie zur Kenntnis nehmen, dass wir unterschiedlicher Auffassung sind.“

„zerlegte“ Menschen und 4 Millionen Erwerbslose

Wie der plötzliche Umschwung kam, wurde nie untersucht. Jedenfalls trug die mediale Lüge dazu bei, dass die DDR pleite und zahlungsunfähig sei. Panik zog in den Köpfen ein und fast panikartig wurden die ostdeutschen Betriebe unter teils mafiösen Strukturen und unüberprüfbaren Regeln verscherbelt. Der damalige Finanzminister Theo Waigel (CSU) stellte die verantwortlichen Mitarbeiter der Treuhand vom Straftatbestand der groben Fahrlässigkeit „im staatlichen Auftrag“ frei. „Der Vereinigungsvertrag wurde gebrochen, wo es ging.“ Und die Menschenjagd begann: “Dass von den westlichen Siegern zuerst gerade die Posten angegriffen wurden, mit denen sich zumindest Teile der DDR-Bevölkerung am ehesten identifizierten, war absehbar. Bisher verehrte prominente Sportler, Schriftsteller, Schauspieler, Ärzte, sogar Tierpark-Direktoren oder Kosmonauten sahen sich mit Anschuldigungen verschiedenster Art konfrontiert und wurden öffentlich zerlegt”, schreibt Dahn. Vier Millionen Menschen verloren bald ihre Jobs.

Die Quittung ist die AfD

Diskussion mit der Schriftstellerin Daniela Dahn. – Bild: Bronisz

Aus dem großen, gesamtdeutschen demokratischen Aufbruch wurde nichts, auch nichts aus dem solidarischen Gemeinwesen und der geforderten Wirtschaftsdemokratie. Heute erodiere die Gesellschaft und die „Quittung für soziale Kälte und politisches Versagen ist die AfD“, so Dahn. Es sei die Rache für den falschen Weg des Anschlusses.

Der Frust im Osten sei inzwischen sehr groß. Dahn weist auf eine Umfrage in „Die Zeit“ von vor zwei Wochen hin. Nur 26 Prozent der Ostdeutschen fühlten sich jetzt wohler als zu Zeiten der DDR. Doch das ganze Land habe sich in diesen 30 Jahren sehr negativ verändert.

Der 2. Teil des Buches bezieht sich auf die 30 Jahre nach der Einheit und enthält Unschönes, das endlich zur Kenntnis genommen werden muss. Das Buch von Daniela Dahn ist auf jeden Fall ein Muss.

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Video: © 2019 Hans-Dieter Hey/R-mediabase.de

Daniela Dahn:
Der Schnee von gestern ist die Sintflut von heute: Die Einheit – eine Abrechnung
Broschiert: 288 Seiten
Verlag: Rowohlt Taschenbuch; Auflage: 2. (17. September 2019)
Sprache: Deutsch
14,00 €
ISBN-10: 3499001047
ISBN-13: 978-3499001048

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