Die zerklüftete Republik

Der Armutsbericht 2014 des DPWV trägt den Titel „Die zerklüftete Republik“ und insinuiert demnach, dass es eine wachsende Kluft in der Gesellschaft gibt – die viel zitierte Schere zwischen arm und reich. Wenn man sich intensiv mit dem Phänomen der wachsenden sozialen Ungleichheit beschäftigt, fällt auf, dass immer häufiger gut recherchierte Studien und Dokumentationen zu Reichtums- und Armutsentwicklung erarbeitet und publiziert werden. Man erinnere sich nur an den letzten Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung, der 2013 erst veröffentlicht wurde, nachdem der damalige Bundeswirtschaftsminister Rösler Erkenntnisse wie „Das Privatvermögen in Deutschland ist sehr ungleich verteilt“ hat löschen lassen. [4] Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) konnte in einer breit angelegten Studie diese und andere unangenehme Wahrheiten 2014 explizit belegen. [5] Im gleichen Jahr identifizierte das Institut der Deutschen Wirtschaft Köln wegen seiner nachlassenden Kaufkraft sogar als die ärmste Stadt im Lande. [6] Eine großangelegte Studie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, die im Dezember 2014 in Paris vorgelegt wurde, offenbarte, dass die Ungleichheit in 16 von 21 OECD-Staaten zugenommen hat. [7] Nur einen Monat später hat die Entwicklungsorganisation Oxfam nachgelegt und die Verhältnisse gleich mal global durchleuchtet: Demnach besitzen die 85 reichsten Menschen der Erde genauso viel wie die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung zusammen – das sind rund 3,5 Milliarden Menschen. Für 2016 wird prognostiziert, dass nur noch ein Prozent der Bevölkerung über mehr Vermögen verfügt, als der gesamte Rest. [8]

Wäre man zynisch, könnte man diesen Wust an Informationen als inflationär empfinden, vielleicht auch als störend. Dem ist energisch zu widersprechen, denn hinter den Zahlen, Daten und Fakten treten Menschen, Schicksale und Zustände hervor, die veränderlich sind. Darauf hinzuweisen sollte man nicht nachlassen. Insbesondere solange beispielsweise die Öffentlich-Rechtlichen Anstalten mehrfach täglich aus dem Kapitalkasino berichten (Börse Aktuell“, „Börse um Acht“, u.a.), also nicht nur, wenn der DAX mal wieder durchdreht. Die direkte Aktionärsquote lag 2013 übrigens bei lediglich 7,1 Prozent, während die Armutsquote mit 15,5 Prozent mehr als doppelt so hoch ausfiel. Da wird man doch wohl noch Bericht erstatten dürfen.

Michael Scheffer

(Mitglied im Ausschuss für Soziales und Senioren der Stadt Köln)

Der Bericht zur regionalen Armutsentwicklung ist beim Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverband abrufbar:

http://www.der-paritaetische.de/armutsbericht/die-zerklueftete-republik/

Quellen:

[1] http://www.deutschlandfunk.de/merkel-trifft-wirtschaftsvertreter-keine-wirkliche-soziale.694.de.html?dram:article_id=314088

[2] http://www.faz.net/aktuell/finanzen/aktien/aktienmarkt-dax-ueberspringt-erstmals-11-000-punkte-13426532.html

[3] http://www.bild.de/politik/inland/ursula-von-der-leyen/warum-ich-nicht-mehr-kanzlerin-werde-30276766.bild.html

[4] http://de.wikipedia.org/wiki/Armuts-_und_Reichtumsbericht_der_Bundesregierung

[5] https://www.diw.de/sixcms/detail.php?id=diw_01.c.438656.de

[6] http://www.iwkoeln.de/de/presse/pressemitteilungen/beitrag/regionaler-armutsvergleich-grossstaedte-schneiden-schlecht-ab-179372

[7] http://www.oecd.org/berlin/presse/einkommensungleichheit-beeintraechtigt-wirtschaftswachstum.htm

[8] http://www.oxfam.de/informieren/soziale-ungleichheit#nachricht-21937

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