Die zerklüftete Republik

Auch in NRW ist ein Anstieg der Armut zu beobachten. Zwar stieg die Quote hier im letzten Jahr nur um moderate 0,8 Prozent auf aktuell 17,1 Prozent. In Regionen wie Aachen, Bielefeld, Bonn, Köln oder Münster ist allerdings ein überproportionaler Anstieg zu verzeichnen. Im Ruhrgebiet stieg die Quote sogar auf 19,7 Prozent, was im Länderranking deutlich über „Ostniveau“ liegt. Dem Großraum Köln/Düsseldorf widmet der Bericht gleich einen ganzen Abschnitt mit düsteren Daten und Zahlen, Tabellen und Tendenzen. Bei einem dokumentierten Anstieg um 31 Prozent seit 2006 (von 12,8 auf 16,8 Prozent) muss der Großraum „damit armutspolitisch insgesamt als eine sehr problematische Region betrachtet werden“. Runtergebrochen auf die Stadt Köln ergibt sich eine Armutsquote von 21,5 Prozent (2012: 20,2 Prozent) – das ist sozialer Sprengstoff!

Jüngere und ältere Menschen, Alleinerziehende und Kinderreiche, Erwerbslose und Migranten. Bei der Identifizierung der von Armut besonders gefährdeten gesellschaftlichen Gruppierungen offenbart der Armutsreport keine wesentlichen Veränderungen oder Überraschungen. Den von Kinder- und Altersarmut betroffenen Risikogruppen ist jedoch ein eigenes Kapitel gewidmet. Analysiert man die Armutsquoten nach Altersgruppen, fällt auf, dass die Kinderarmut mit 19,2 Prozent seit Jahren auf anhaltend hohem Niveau verharrt – und damit deutlich über dem Durchschnitt. Die zahlreichen familien- und sozialpolitischen Maßnahmen der vergangenen Jahre (z.B. Bildungs- und Teilhabepaket) wollen keine rechte Wirkung entfalten, verpuffen nahezu wirkungslos.

Die Situation älterer Menschen stellt sich hingegen zur Zeit noch recht unauffällig dar, die Armutsquote bei den über 65jährigen ist mit 14,3 Prozent genauso unterdurchschnittlich wie die der Rentner und Pensionäre  (15,2 Prozent). Allerdings nimmt die Armut hier sehr viel stärker zu als bei irgendeiner anderen Bevölkerungsgruppe: Bei einem Anstieg bis zu 47,5 Prozent seit 2006 muss von einer „auf uns zurollenden Lawine der Altersarmut“ ausgegangen werden. Eine tickende Zeitbombe, die uns ohne grundlegende Änderungen in der Grundsicherung in wenigen Jahren um die Ohren fliegen wird. Neben einer armutsfesten Alterssicherung – beispielsweise einer Rentenniveaustabilisierung bei 50 Prozent – endet der Armutsbericht mit ergänzenden Vorschlägen und politischen Maßnahmen „um eine weitere soziale und regionale Verelendung zu verhindern“. Armutsfeste Einkommen durch eine effektive Mindestlohnpolitik, die spürbare Anhebung der Regelsätze sowie Reformen beim Familienlasten- und Länderfinanzausgleich sind nur einige davon.

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