Beate Klarsfeld zum Naziprozess in Köln vor 40 Jahren

Diskussion mit Beate Klarsfeld und Georg Restle im NS-DOK Köln. - Foto: Berthold Bronisz

Köln – Auf Einladung des Vereins EL-DE-Haus diskutierte Beate Klarsfeld im NS-Dokumentationszentrum mit WDR-Moderator Georg Restle. Thema am 23. Oktober war der Gerichtsprozess gegen die Nazi-Verbrecher Kurt Lischka, Herbert Hagen und Ernst Heinrichsohn vor dem Kölner Landgericht. Am 29. Januar 1980 wurden sie  zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt. Die öffentliche, auch weltweite, Beachtung des Verfahrens war damals groß. Tausende Juden zogen triumphierend durch Köln. Die Vorwürfe wogen schwer: Die Deportation von 75000 Juden aus Frankreich in die nationalsozialistischen Vernichtungslager.

Zuvor hatten die Klarsfelds 10 Jahre lang in der Organisation „ Fils et Filles des Déportés Juifs de France“, den Söhnen und Töchtern der jüdischen Deportierten aus Frankreich, um Anerkennung der französischen Shoah in der Bundesrepublik gekämpft, die sich mit ihrer eigenen Geschichte lange schwer tat. Mit öffentlichkeitswirksamen Aktionen leiteten sie eine Veränderung der Erinnerungskultur in Deutschland ein. „Das Jahrzehnt 1968-1978 markiert einen wichtigen Wendepunkt in der Entwicklung des Gedenkens an die Shoah in Europa und der Welt“, heißt es in einem Exposé. 2012 wurden sie im Memorial de la Shoah in Paris geehrt und 2015 mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.

Ohrfeige für die Bundesrepublik

Am 7. November 1968 ohrfeigte die 29jährige Beate auf dem CDU-Parteitag den damaligen Bundeskanzler Dr. Kurt Georg Kiesinger  „im Namen von Millionen von Opfern, die im Zweiten Weltkrieg ums Leben gekommen sind“, so Klarsfeld damals. Sie verstand wie viele andere nicht, wie jemand Bundeskanzler werden konnte, der bereits vor Hitlers Machtübernahme in die NSDAP mit der NSDAP-Nr. 2633930 eingetreten war und deren Blockwart wurde – alles schriftlich belegt durch FBI-Akten. Wie konnte es sein, dass die Bundesrepublik einen Menschen an der Spitze des Staates duldete, der während des II. Weltkrieges mehrere hochrangige Positionen in der Rundfunkabteilung des Auswärtigen Amtes unter Joachim v. Ribbentrop bekleidete? Konkret lautete der schwerwiegende Vorwurf, Kiesinger sei gar Verbindungsmann zum Propagandaministerium von Joseph Goebbels gewesen.

Ein Denunziationsdokument und relativierende Interviews der ARD halfen später, Kiesinger zu entlasten. WDR-Intendant Klaus von Bismarck verstieg sich sogar, Beate Klarsfeld „ungenügende Charaktereigenschaften“ für einen öffentlich-rechtlichen Auftritt zu bescheinigen. Der Hinweis von Günter Grass, Deutschland mache sich gegenüber dem „Altstalinisten Ulbricht“ im Umgang mit den Klarsfelds unglaubwürdig, störte die bundesrepublikanische Gesellschaft wenig. Es hatte auch eine besondere Note, dass gerade diese DDR den Klarsfelds die Einreise verweigert wurde, weil sie 1971/1972 in verschiedenen „Ostblockstaaten“ gegen den dortigen Antisemitismus protestierten.

Jedenfalls hatten die Vorwürfe und Verstrickungen Kiesingers Kariere in der Bundesrepublik nicht geschadet. Die hatte ohnehin viele andere ehemalige Nazis im  Gericht und im Bildungswesen wieder in Amt und Würden gebracht. Die Kiesinger-Affäre war ein Skandal von internationalem Ausmaß, der die Klarsfelds besonders erzürnte. Auch auf andere ehemalige und unbehelligte Nazi-Täter wiesen sie hin wie auf Ernst Ehlers („Endlöser von Belgien“), Kurt Asche (verantwortlich für die Deportationen in Belgien) oder den FDP-Politiker Ernst Achenbach, dem die Beteiligung an der Deportation jüdischer Opfer aus Frankreich zur Last gelegt war. Die Klarsfelds konnten gerade noch verhindern, dass Achenbach bei der Europäischen Union unterkommen konnte. Zu Recht sagen sie von sich, dass, „wir mit unseren Aktionen, auch illegalen Aktionen, vieles erreicht!“ haben und die für sie immerhin mehrere Haftstrafen zur Folge hatte.

Kampf gegen das NS-Verbrechen

Beate und Serge Klarsfeld hatten es sich zur Lebensaufgabe gemacht, gegen das Vergessen, Beschwichtigen und Verdrängen der Nazi-Verbrechen von 1933 bis 1945 zu kämpfen. Sie waren hinter Josef Mengele her, dem „Todesengel von Auschwitz“, hinter Klaus Barbie in Südamerika, bekannt als „Schlächter von Lyon“ und Alois Brunner, Organisator des Holocaust, der sich der Strafverfolgung als Gast von Syriens Präsidenten Assad entzog.

Am 11. Mai 1960 entführte der israelische Geheimdienst Mossad den deutschen NS-Verbrecher Adolf Eichmann, der mit einem „katholischen Ablasszertifikat“  über die „Rattenlinie“ nach Argentinien geflüchtet war. Und genau an diesem Tag verliebten sich die beiden Klarsfelds „auf den ersten Blick“. Ihnen ist für die Zukunft alles Gute zu wünschen und ihr Kampf gegen die Naziverbrechen ist für die Bundesrepublik Deutschland von unschätzbarer Bedeutung. (23.10.2022, Berthold Bronisz, Hans-Dieter Hey)

 

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